DAK-Studie 2026: Was die neuen Zahlen zur Social-Media-Sucht bedeuten

350.000 Kinder mit problematischem Social-Media-Konsum

Sie scrollen durch Ihren Feed und sehen die Schlagzeile: „Millionen Kinder haben Probleme durch Medienkonsum." Ihr erster Impuls – das Smartphone Ihres Kindes am liebsten sofort einzuziehen. Doch bevor Sie handeln, lohnt sich ein genauer Blick auf die Zahlen. Denn die neue DAK-Mediensucht-Studie zeichnet ein differenziertes Bild – und zeigt, wo die wirklichen Gefahren lauern.

Die siebte Welle der Längsschnittstudie, durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wurde im März 2025 veröffentlicht1. Die Ergebnisse sind alarmierend – aber sie zeigen auch, an welchen Stellschrauben Familien drehen können.

Die wichtigsten Zahlen im Überblick

Die Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Rainer Thomasius hat rund 1.000 Familien mit Kindern zwischen 10 und 17 Jahren befragt1. Die Kernbefunde:

  • 6,6 Prozent der 10- bis 17-Jährigen zeigen eine pathologische Social-Media-Nutzung – das entspricht rund 350.000 Kindern und Jugendlichen in Deutschland
  • 21,5 Prozent nutzen soziale Medien auf riskantem Niveau – etwa 1,1 Millionen junge Menschen
  • Insgesamt über 25 Prozent – also mehr als jedes vierte Kind – zeigt eine problematische Social-Media-Nutzung

Besonders besorgniserregend ist der Anstieg: Im Vergleich zur Erhebung von 2024 ist die pathologische Nutzung um 40 Prozent gestiegen – von 4,7 auf 6,6 Prozent. Das bedeutet, dass sich das Problem nicht etwa stabilisiert, sondern weiter verschärft.

Ältere Jugendliche sind stärker betroffen

Die Studie zeigt deutliche Altersunterschiede:

  • 10- bis 13-Jährige: 2,7 Prozent pathologisch
  • 14- bis 17-Jährige: 10,0 Prozent pathologisch – fast jeder Zehnte in dieser Altersgruppe

Dieser Sprung beim Übergang ins Jugendalter ist kein Zufall. Mit 14 beginnen viele Jugendliche, soziale Medien intensiver zu nutzen – oft ohne die Selbstregulationsfähigkeit, die dafür nötig wäre.

Die unterschätzte Gefahr: Video-Sucht

Ein Ergebnis der Studie verdient besondere Aufmerksamkeit: Der massive Anstieg bei der problematischen Video-Nutzung.

  • Riskante Video-Nutzung: Von 13,4 Prozent (2024) auf 21,4 Prozent (2026) – ein Anstieg von 60 Prozent
  • Pathologische Video-Nutzung: Von 2,6 auf rund 4 Prozent

Warum gerade Videos? Die Antwort liegt in der Technik: Plattformen wie TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts nutzen Autoplay-Funktionen und algorithmische Endlosschleifen. Es gibt keinen natürlichen Endpunkt – der nächste Clip startet automatisch, bevor der vorherige richtig verarbeitet ist. Für Kinder und Jugendliche, deren Impulskontrolle noch in der Entwicklung ist, macht das diese Formate besonders schwer zu regulieren.

Was "pathologisch" und "riskant" bedeutet

Die Begriffe klingen dramatisch, und es ist wichtig, sie richtig einzuordnen:

  • Riskante Nutzung bedeutet: Das Kind zeigt erste Anzeichen einer problematischen Beziehung zu sozialen Medien – etwa häufiges Greifen zum Smartphone ohne konkreten Anlass, Unruhe ohne Zugang, oder zunehmende Nutzungsdauer
  • Pathologische Nutzung orientiert sich an den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Verhaltenssüchte im ICD-112: beeinträchtigte Kontrolle, zunehmende Priorisierung gegenüber anderen Aktivitäten und Fortbestand trotz negativer Konsequenzen – über einen Zeitraum von mindestens zwölf Monaten

Eine riskante Nutzung ist also noch keine Sucht – aber ein ernstzunehmendes Warnsignal, das zum Handeln auffordert.

Warnsignale erkennen: Wann wird es problematisch?

Die Grenze zwischen normaler Mediennutzung und problematischem Verhalten verläuft fließend. Die DAK-Studie und Experten des DZSKJ benennen mehrere Warnsignale1:

  • Kontrollverlust: Ihr Kind kann die Nutzung nicht mehr selbst begrenzen, überzieht regelmäßig vereinbarte Zeiten um ein Vielfaches
  • Entzugserscheinungen: Reizbarkeit, Verdrossenheit oder Traurigkeit, wenn der Zugang zu sozialen Medien eingeschränkt wird
  • Vernachlässigung anderer Bereiche: Schulleistungen sinken, Freundschaften leiden, Hobbys werden aufgegeben
  • Körperliche Beschwerden: Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafmangel durch nächtliche Nutzung
  • Steigerung: Immer mehr Zeit wird benötigt, um das gleiche Gefühl der Befriedigung zu erreichen

Prof. Thomasius betont eine „sichtbare Verbindung zu psychischen Belastungen wie Depression" bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen. Wenn Sie mehrere dieser Anzeichen bei Ihrem Kind beobachten, ist das ein klarer Hinweis, dass Sie aktiv werden sollten.

Was Eltern jetzt tun können

Die gute Nachricht: Sie sind nicht machtlos. Die Studie zeigt ein Problem auf – aber sie zeigt auch, dass Prävention wirkt. Hier sind konkrete Schritte, die Sie als Familie gehen können:

Transparenz schaffen statt kontrollieren

Der erste Schritt ist oft der schwierigste: ein offenes Gespräch über die Mediennutzung. Nicht als Vorwurf, sondern als gemeinsame Bestandsaufnahme.

  • Führen Sie ein Medientagebuch: Eine Woche lang dokumentieren alle Familienmitglieder ihre Bildschirmzeiten – auch Sie als Eltern
  • Nutzen Sie Dashboards: Tools wie FamFlow machen die Medienzeit sichtbar, ohne zu überwachen. Ihr Kind sieht selbst, wie viel Zeit es auf welchen Plattformen verbringt – und kann eigenständig Entscheidungen treffen

Gemeinsam Regeln vereinbaren

Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigen: Regeln, die Kinder mitentwickeln, werden besser eingehalten als einseitige Verbote3.

  • Zeitbudgets statt starrer Limits: Ein Wochenkontingent gibt Ihrem Kind mehr Autonomie bei der Einteilung
  • Medienfreie Zonen: Kein Smartphone beim Essen, im Schlafzimmer erst ab einem bestimmten Alter
  • Einen Medienvertrag aufsetzen: Halten Sie die Regeln schriftlich fest – das schafft Verbindlichkeit für alle Seiten

Alternativen stärken

Die DAK-Studie zeigt, dass Kinder mit einem vielfältigen Freizeitangebot weniger anfällig für problematische Mediennutzung sind. Sportvereine, kreative Projekte und regelmäßige Verabredungen mit Freunden schaffen ein Gegengewicht zur digitalen Welt.

Über Algorithmen aufklären

Erklären Sie Ihrem Kind, wie die Plattformen funktionieren. Jugendliche, die verstehen, dass ein Algorithmus sie gezielt zum Weiterscrollen verleitet, können dieser Manipulation bewusster begegnen. Die Initiative "SCHAU HIN!" bietet dazu altersgerechte Materialien4.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Bei einer pathologischen Nutzung – also wenn Ihr Kind die Kontrolle über sein Nutzungsverhalten dauerhaft verloren hat und andere Lebensbereiche darunter leiden – reichen Familienregeln allein möglicherweise nicht mehr aus.

  • Beratungsangebote: Die BZgA bietet über die Kampagne "Ins Netz gehen" kostenlose Beratung für betroffene Familien3
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie: Bei Verdacht auf eine manifeste Verhaltensstörung kann eine fachärztliche Abklärung Klarheit schaffen
  • Medienpädagogische Beratung: Viele Erziehungsberatungsstellen bieten inzwischen spezifische Medienberatung an

Die Schwelle zur professionellen Hilfe sollte nicht zu hoch angesetzt werden. Je früher eine problematische Entwicklung erkannt wird, desto besser lässt sie sich korrigieren.

Ein positiver Befund: Gaming-Sucht rückläufig

Nicht alle Nachrichten der Studie sind negativ. Bei der Gaming-Sucht zeigt sich ein Rückgang: Die pathologische Gaming-Nutzung sank von 4,3 Prozent (2023) auf 3,4 Prozent. Die riskante Nutzung liegt bei 12 Prozent.

Das deutet darauf hin, dass die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema wirkt – und dass auch bei Social Media eine Trendwende möglich ist, wenn Eltern, Schulen und Politik gemeinsam handeln.

Fazit: Aufmerksamkeit statt Panik

Die DAK-Studie 2026 liefert keine Gründe für Panik – aber sehr gute Gründe für erhöhte Aufmerksamkeit. Wenn mehr als jedes vierte Kind soziale Medien problematisch nutzt und die Zahlen weiter steigen, dann ist das ein Signal, das Familien ernst nehmen sollten.

Die wichtigste Erkenntnis: Verbote allein lösen das Problem nicht. Was Kinder brauchen, ist Begleitung, Transparenz und die Fähigkeit zur Selbstregulation. Mit FamFlow setzen wir genau hier an – wir helfen Familien, die Medienzeit sichtbar zu machen und gemeinsam zu gestalten, statt sie zu kontrollieren.

Sprechen Sie mit Ihrem Kind. Nicht über die Studie, sondern über seine Erfahrungen mit sozialen Medien. Was macht es dort? Was gefällt ihm? Was stresst es? Dieses Gespräch ist der erste und wichtigste Schritt – alles andere folgt daraus.


Footnotes

  1. DAK-Gesundheit / DZSKJ – „Suchtstudie: Millionen Kinder haben Probleme durch Medienkonsum", Ergebnisbericht 7. Welle, März 2025: dak.de/presse/bundesthemen/kinder-jugendgesundheit/dak-suchtstudie 2 3

  2. WHO – Gaming Disorder, ICD-11 Klassifikation: who.int/standards/classifications/gaming-disorder

  3. BZgA – „Ins Netz gehen" Präventionskampagne für Jugendliche und Eltern: ins-netz-gehen.de 2

  4. SCHAU HIN! – „DAK-Studie 2025 zu Mediensucht: Millionen Kinder weisen riskante Nutzung auf": schau-hin.info/studien/dak-studie-2025

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